Lesson Transcript

Aylin Aslan: Puh... Endlich drinnen. Was für ein Tag.
Marvin Maas: Das können Sie laut sagen. Draußen ist ja die Hölle los.
Aylin Aslan: Ja, absolut. Der Verkehr in Berlin ist heute wirklich eine Katastrophe. Überall Stau. Ich habe fast eine Stunde gebraucht, nur für die letzten zwei Kilometer.
Marvin Maas: Eine Stunde? Das ist ja wahnsinnig. Ich bin zum Glück mit der Bahn gekommen. Aber selbst da war es voll. Alle wollen nur noch nach Hause.
Aylin Aslan: Stimmt. Ich bin auch einfach nur froh, dass der Tag vorbei ist. Entschuldigung, wohnen Sie auch hier?
Marvin Maas: Ja, genau. Ich bin erst vor zwei Wochen eingezogen. Ich kenne hier noch kaum jemanden. Und Sie?
Aylin Aslan: Herzlich willkommen im Haus! Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Es ist eigentlich sehr ruhig hier. Normalerweise.
Marvin Maas: Danke! Das ist gut zu wissen. Ich mag Ruhe. Mein Name ist übrigens Marvin. Marvin Maas.
Aylin Aslan: Freut mich, Herr Maas. Ich bin Aylin Aslan.
Marvin Maas: Freut mich auch, Frau Aslan. Warten Sie auch auf den Aufzug?
Aylin Aslan: Ja. Der linke Aufzug ist glaube ich kaputt. Wir müssen den rechten nehmen.
Marvin Maas: Ah, gut zu wissen. In welchem Stockwerk wohnen Sie denn?
Aylin Aslan: Ich wohne im fünften Stock. Und Sie?
Marvin Maas: Ganz oben. Im Penthouse.
Aylin Aslan: Oh! Das Penthouse. Wow. Das ist ja schick. Da haben Sie sicher eine tolle Aussicht über Berlin.
Marvin Maas: Ja, der Blick ist wirklich schön. Besonders abends, wenn die Stadt leuchtet. Aber es ist auch noch ziemlich leer da oben. Ich habe noch nicht viele Möbel.
Aylin Aslan: Da ist er ja. Nach Ihnen.
Marvin Maas: Danke sehr.
Marvin Maas: Also, fünfter Stock für Sie?
Aylin Aslan: Ja, bitte. Die Fünf. Danke.
Marvin Maas: Sie sehen ziemlich müde aus. Kommen Sie gerade von der Uni? Studieren Sie noch?
Aylin Aslan: Oh, sehe ich noch so jung aus? Das ist ja fast ein Kompliment. Nein, ich studiere nicht mehr. Ich komme aus dem Büro.
Marvin Maas: Echt? Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Was machen Sie denn beruflich, wenn ich fragen darf?
Aylin Aslan: Ich bin Anwältin.
Marvin Maas: Anwältin? Wirklich?
Aylin Aslan: Ja, wirklich! Warum sind Sie denn so überrascht?
Marvin Maas: Na ja... Sie wirken so... fröhlich. Und so locker. Die meisten Anwälte, die ich kenne, sind sehr ernst. Immer im Anzug, immer gestresst, kein Lächeln.
Aylin Aslan: Verstehe. Das Klischee. Keine Sorge, im Gerichtssaal bin ich auch sehr ernst. Aber jetzt ist Feierabend. Ich versuche, den Stress im Büro zu lassen. Das Leben ist doch zu kurz für schlechte Laune, oder?
Marvin Maas: Das ist eine sehr gesunde Einstellung. Gefällt mir. Ich wünschte, ich könnte das auch so gut.
Aylin Aslan: Das lernen Sie schon noch. Berlin ist entspannter als andere Städte.
Aylin Aslan: Huch! Was war das?
Marvin Maas: Oha. Das sieht nicht gut aus.
Aylin Aslan: Warum... warum halten wir an? Wir sind doch nicht im fünften Stock.
Marvin Maas: Ich glaube, wir stecken fest.
Aylin Aslan: Fest? Hier? Zwischen den Stockwerken? Oh nein. Oh nein, bitte nicht.
Marvin Maas: Bleiben Sie ganz ruhig. Das passiert schon mal. Ich drücke mal den Notrufknopf.
Aylin Aslan: Passiert was? Antwortet jemand?
Marvin Maas: Hallo? Ist da jemand? Wir stecken fest... Hmm. Keine Antwort aus dem Lautsprecher.
Aylin Aslan: Das darf doch nicht wahr sein. Mein Handy... ich muss mein Handy checken.
Aylin Aslan: Kein Empfang. Null Balken. Natürlich. Ein Aufzug ist ja wie ein Metallkäfig.
Marvin Maas: Hey, keine Panik. Das ist ein modernes Gebäude. Die merken sicher schnell, dass der Aufzug steht. Oder der Hausmeister sieht das Signal.
Aylin Aslan: Ja... ja, sicher. Aber es ist so eng hier. Und so dunkel. Ich mag kleine Räume nicht besonders.
Marvin Maas: Atmen Sie tief durch. Einatmen... ausatmen. Alles ist gut. Wir sind sicher. Der Aufzug fällt nicht runter. Er steht nur.
Aylin Aslan: Okay. Okay. Sie haben recht. Tut mir leid. Ich bin normalerweise nicht so. Aber wenn ich alleine wäre... ich glaube, ich würde durchdrehen.
Marvin Maas: Zum Glück sind Sie nicht allein. Wir warten einfach ein bisschen. Wollen wir uns vielleicht setzen? Das kann dauern.
Aylin Aslan: Ja... okay.
Aylin Aslan: Sie sind so ruhig, Herr Maas. Wie machen Sie das? Haben Sie keine Angst?
Marvin Maas: Ach, wissen Sie... Angst hilft ja nicht. Und wir sind ja hier in guter Gesellschaft. Sagen wir doch einfach "Du", oder? In so einer Situation ist "Sie" irgendwie komisch. Ich bin Marvin.
Aylin Aslan: Stimmt. Das ist eine gute Idee. Ich bin Aylin. Danke, Marvin. Dass du so ruhig bleibst. Das hilft mir wirklich.
Marvin Maas: Gerne, Aylin.
Aylin Aslan: Was machst du eigentlich beruflich? Du hast vorhin gesagt, du bist erst eingezogen. Penthouse und so... Bist du Pilot? Weil du so entspannt bist?
Marvin Maas: Nein, kein Pilot. Ich komme aus der Finanzwelt. Genauer gesagt: Kryptowährungen.
Aylin Aslan: Krypto? Du meinst Bitcoin und so was?
Marvin Maas: Genau. Ich habe ziemlich früh damit angefangen. Als noch niemand wusste, was das ist. Ich hatte... na ja, ich hatte Glück und ein gutes Gespür.
Aylin Aslan: Ah, verstehe. Das "magische Internet-Geld".
Marvin Maas: Ja, so nennen es viele. "Magisches Internet-Geld". Aber eigentlich ist es gar nicht so magisch. Es ist nur Mathematik.
Aylin Aslan: Ich höre das immer in den Nachrichten. "Blockchain", "Bitcoin", "Mining". Aber ehrlich gesagt... ich verstehe nur Bahnhof. Für mich klingt das alles sehr kompliziert.
Marvin Maas: Es klingt kompliziert, ist aber im Prinzip ganz einfach. Soll ich es dir erklären? Wir haben ja Zeit.
Aylin Aslan: Stimmt. Wir haben Zeit. Okay, erklär es mir. Wie funktioniert das ohne Bank?
Marvin Maas: Also, pass auf. Stell dir vor, du und deine Freunde, ihr habt ein gemeinsames Notizbuch.
Aylin Aslan: Ein Notizbuch? Okay.
Marvin Maas: Ja. Stell dir ein digitales Notizbuch vor, das jeder sehen kann, aber niemand radieren kann.
Aylin Aslan: Niemand kann radieren?
Marvin Maas: Genau. Wenn ich dir Geld schicke, schreiben wir das in das Notizbuch. Alle sehen es: "Marvin gibt Aylin zehn Euro". Und weil alle eine Kopie von diesem Notizbuch haben, kann niemand heimlich eine Seite rausreißen oder die Zahl ändern. Es ist sicher, weil alle aufpassen.
Aylin Aslan: Ah... Das ist ein gutes Bild. Ein Notizbuch für alle.
Marvin Maas: Richtig. Das ist die Blockchain. Nur eben digital.
Aylin Aslan: Das macht Sinn. Jetzt verstehe ich es ein bisschen besser. Und damit bist du reich geworden? Mit diesem digitalen Notizbuch?
Marvin Maas: Ja, sozusagen. Es war eine wilde Zeit. Der Kurs ging rauf und runter. Aber ich bin ruhig geblieben. Panik ist beim Investieren genauso schlecht wie im Aufzug.
Aylin Aslan: Respekt. Ich glaube, ich wäre zu nervös dafür. Ich brauche Sicherheit.
Marvin Maas: Das kann ich verstehen. Deshalb ziehe ich mein Geld jetzt auch langsam da raus. Ich suche nach etwas Echtem. Etwas zum Anfassen.
Aylin Aslan: Etwas zum Anfassen? Wie Immobilien?
Marvin Maas: Zum Beispiel. Oder Firmen. Ich komme eigentlich aus Kiel. Kennst du Kiel?
Aylin Aslan: Ja, im Norden. Am Meer. Da ist es immer windig, oder?
Marvin Maas: Ja, sehr windig und oft grau. Berlin ist für mich schon fast der Süden. Aber ich wollte in eine größere Stadt. Hier in Berlin passiert einfach mehr. Und ich möchte hier investieren. In die Gemeinschaft.
Aylin Aslan: Das klingt gut. Hast du schon eine Idee?
Marvin Maas: Ja, ich habe da so ein Projekt im Auge. Kennst du den alten Tennisclub drüben an der Parkstraße?
Aylin Aslan: Den Tennisclub "Rot-Weiß"? Natürlich! Ich spiele da manchmal am Wochenende.
Marvin Maas: Echt? Die Welt ist klein. Ich überlege, den Club zu kaufen. Der Besitzer will verkaufen, habe ich gehört.
Aylin Aslan: Herr Müller? Ja, das stimmt. Er ist schon alt und will in Rente gehen. Meine Güte, du willst den Club kaufen? Das ist ja ein Zufall.
Marvin Maas: Ich finde den Ort toll. Er hat Tradition. Aber er braucht ein bisschen frischen Wind. Nicht so viel wie in Kiel, aber ein bisschen.
Aylin Aslan: Das ist ja spannend. Dann wärst du ja quasi mein Chef, wenn ich Tennis spiele.
Marvin Maas: Ach was. Ich will nur, dass der Ort erhalten bleibt. Ich mag solche Orte. Wo Leute zusammenkommen. In der digitalen Welt ist man oft allein vor dem Bildschirm. Ich will mehr... echtes Leben.
Aylin Aslan: Das finde ich sehr sympathisch. Wirklich. Viele Leute in deinem Alter kaufen sich nur teure Autos oder Uhren.
Marvin Maas: Autos interessieren mich nicht so. Ich habe ein anderes Hobby. Ein bisschen peinlich vielleicht.
Aylin Aslan: Was denn? Jetzt bin ich neugierig.
Marvin Maas: Ich sammle Comics.
Aylin Aslan: Comics? Wie Superhelden und so?
Marvin Maas: Ja. Batman, Spider-Man, X-Men. Ich liebe diese Geschichten.
Aylin Aslan: Das ist doch nicht peinlich! Das ist cool.
Marvin Maas: Viele denken, das ist nur für Kinder. Aber für mich sind das moderne Mythen. Es geht um Moral, um Verantwortung, um Helden. Das ist wie die alten griechischen Sagen, nur mit bunten Kostümen.
Aylin Aslan: Moderne Mythen. Das hast du schön gesagt. Ich verstehe das total. Ich habe auch ein Hobby, das viele nicht von einer Anwältin erwarten.
Marvin Maas: Lass mich raten. Du spielst in einer Rockband?
Aylin Aslan: Nein, leider nicht. Ich spiele Theater.
Marvin Maas: Theater? Auf einer Bühne?
Aylin Aslan: Ja. Laientheater. Wir führen kleine Stücke auf. Komödien, Dramen, alles Mögliche. Ich liebe es, in andere Rollen zu schlüpfen.
Marvin Maas: Das passt ja gar nicht zu "Frau Rechtsanwältin Aslan". Oder vielleicht doch?
Aylin Aslan: Doch, das passt perfekt! Überleg mal: Als Anwältin ist das fast genauso. Das Anwaltssein ist auch eine Vorstellung... Ich muss meine Stimme und meine Körpersprache benutzen, um Leute zu überzeugen.
Marvin Maas: Stimmt. Vor Gericht musst du sicher selbstbewusst wirken, auch wenn du nervös bist.
Aylin Aslan: Genau! Manchmal muss ich streng sein, manchmal verständnisvoll. Schau mal... "Ruhe im Gerichtssaal! Ich fordere sofortige Stille für meinen Mandanten!"
Marvin Maas: Wow! Das war beeindruckend. Ich habe fast strammgestanden. Das war deine "Königin-Stimme", oder?
Aylin Aslan: Ja, so ungefähr. Das meine ich. Es ist alles Schauspiel. Wir tragen alle Masken bei der Arbeit.
Marvin Maas: Das ist wahr. Die Leute sehen mich und denken: "Ah, der Krypto-Typ. Der will nur schnell reich werden und feiert Partys." Aber eigentlich sitze ich lieber zu Hause und lese Comics.
Aylin Aslan: Und die Leute sehen mich und denken: "Die strenge Anwältin. Die denkt nur an Paragrafen." Aber eigentlich stehe ich lieber auf der Bühne und mache Quatsch.
Marvin Maas: Wir sprengen das Klischee.
Aylin Aslan: Ja. Wir passen nicht in die Schublade. Das ist auch gut so.
Marvin Maas: Absolut. Normal ist ja langweilig.
Aylin Aslan: Oh! Das Licht!
Marvin Maas: Und der Motor läuft wieder an. Hörst du?
Aylin Aslan: Gott sei Dank! Wir bewegen uns. Puh... mein Herz klopft immer noch.
Marvin Maas: Siehst du? Alles gut gegangen. Keine zehn Minuten.
Aylin Aslan: Es hat sich angefühlt wie eine Stunde. Aber... es war gar nicht so schlimm. Dank dir.
Marvin Maas: Das freut mich. Es war eigentlich ganz nett, mal so zu plaudern. Ohne Handys.
Aylin Aslan: Ja, das stimmt. Ein analoges Gespräch im digitalen Zeitalter.
Aylin Aslan: Das ist mein Stockwerk. Der fünfte. Freiheit!
Marvin Maas: Genieß die Freiheit.
Aylin Aslan: Hey, Marvin... wegen dem Tennisclub. Wenn du das wirklich machen willst... Ich kenne mich mit den Verträgen aus. Und ich kenne die Nachbarn hier. Ich weiß, wer nett ist und wer schwierig ist.
Marvin Maas: Das klingt nach einem guten Angebot. "Lokales Wissen" ist viel wert.
Aylin Aslan: Hier ist meine Karte. Ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst. Oder wenn du mal wieder im Aufzug stecken bleibst.
Marvin Maas: Mach ich. Danke, Aylin.
Aylin Aslan: Schönen Abend noch! Und... Hals- und Beinbruch für deine Pläne!
Marvin Maas: Hals- und Beinbruch? Das klingt gefährlich.
Aylin Aslan: Das sagen wir beim Theater. Es heißt "Viel Glück".
Marvin Maas: Ah! Verstehe. Dann dir auch Hals- und Beinbruch. Gute Nacht!
Aylin Aslan: Gute Nacht, Marvin!

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