Lesson Transcript

Margaret MacDonald: Nanu? Julius? Bist du das?
Julius Jager: Oh. Hallo, Margaret. Ja, ich bin's.
Margaret MacDonald: Das ist aber früh für dich. Normalerweise schläfst du am Samstag doch bis mittags, oder? Ich dachte, du bist ein Langschläfer.
Julius Jager: Ja, also... normalerweise schon. Aber heute nicht. Ich muss... ich muss kurz weg.
Margaret MacDonald: Wohin geht's denn so eilig? Zum Supermarkt? Haben die überhaupt schon offen?
Julius Jager: Ja, genau. Supermarkt. Ich brauche Eis.
Margaret MacDonald: Eis? Jetzt? Es ist November, Julius. Draußen sind es fünf Grad. Willst du eine Party feiern?
Julius Jager: Nein, keine Party. Ich brauche es einfach. Für... für Getränke. Ich habe Durst auf kalte Getränke. Sehr kalte Getränke. Also, ich muss dann mal los. Tschüss!
Margaret MacDonald: Warte mal kurz. Julius, alles okay bei dir? Du siehst irgendwie blass aus. Und du schwitzt ja total auf der Stirn.
Julius Jager: Mir geht's super. Wirklich. Alles bestens. Ich habe es nur eilig. Der Supermarkt macht gleich zu... äh, ich meine, er macht gleich auf. Und ich will der Erste sein. Wegen dem Eis.
Margaret MacDonald: Julius, warum hältst du deinen rechten Arm so komisch? Du drückst ihn ja ganz fest an deinen Bauch.
Julius Jager: Was? Nein, mache ich nicht. Das ist meine neue Haltung. Das ist gut für den Rücken. Hat mir mein Trainer gesagt.
Margaret MacDonald: Dein Trainer? Letzte Woche hast du mir erzählt, dass Sport Zeitverschwendung ist. Zeig mal her.
Julius Jager: Nein, echt, Margaret. Es ist nichts. Nur ein kleiner Kratzer. Ich habe mich gestoßen. An der Tür. Tut gar nicht weh.
Margaret MacDonald: Ein kleiner Kratzer tut nicht so weh, dass man kreidebleich wird. Julius, ich bin Krankenschwester. Ich sehe doch, wenn jemand Schmerzen hat. Du zitterst ja fast.
Julius Jager: Ich zittere nicht. Mir ist nur kalt. Weil ich noch kein Eis habe.
Margaret MacDonald: Schluss jetzt mit dem Quatsch. Bleib bitte stehen. Zeig mir deinen Arm. Sofort.
Julius Jager: Na gut. Aber erschreck dich nicht. Es ist wirklich nicht so schlimm. Glaube ich.
Margaret MacDonald: Oh mein Gott, Julius! Das nennst du einen kleinen Kratzer? Deine ganze Hand ist ja knallrot! Und hier am Handgelenk... das wirft ja schon Blasen!
Julius Jager: Ja, es sieht vielleicht ein bisschen wild aus. Aber es geht schon.
Margaret MacDonald: Warte mal... was ist das da auf der Haut? Das glänzt so fettig. Und es riecht... riecht das nach Frühstück?
Julius Jager: Das ist Butter. Gute deutsche Markenbutter.
Margaret MacDonald: Bitte sag mir, dass das ein Witz ist. Du hast Butter auf eine Verbrennung geschmiert?
Julius Jager: Ja, natürlich! Das macht man so. Meine Oma hat immer gesagt: "Kind, wenn du dich verbrennst, tu sofort Butter drauf." Das Fett beruhigt die Haut. Das ist ein altes Hausmittel.
Margaret MacDonald: Deine Oma in allen Ehren, aber das ist das Schlimmste, was du tun kannst! Julius, hör mir zu. Das ist gefährlich.
Julius Jager: Wieso gefährlich? Butter ist doch natürlich.
Margaret MacDonald: Fett speichert Hitze! Wenn du Butter auf eine heiße Verbrennung gibst, dann schließt du die Hitze in der Haut ein. Du brätst deine eigene Hand weiter, wie ein Schnitzel in der Pfanne!
Julius Jager: Oh. Deswegen tut es immer noch so weh? Ich dachte, das muss so sein.
Margaret MacDonald: Nein, das muss nicht so sein. Wir müssen das sofort runterwaschen. Komm mit. Wir gehen in deine Wohnung. Sofort.
Julius Jager: Aber ich wollte doch Eis kaufen...
Margaret MacDonald: Vergiss das Eis. Wir brauchen fließendes Wasser. Und zwar jetzt. Los, schließ auf!
Margaret MacDonald: Okay, Hand unter den Wasserhahn. Ja, genau so. Das Wasser muss kühl sein, aber nicht eiskalt. So ist es gut.
Julius Jager: Aua! Das brennt aber auch! Und das Wasser nervt. Meine ganze Jacke wird nass.
Margaret MacDonald: Zieh die Jacke vorsichtig aus, aber nimm die Hand nicht aus dem Wasserstrahl. Ich helfe dir... so. Und jetzt lass das Wasser laufen.
Julius Jager: Okay, es ist jetzt sicher eine Minute vergangen. Die Butter ist weg. Kann ich aufhören?
Margaret MacDonald: Nein. Mindestens zehn Minuten. Besser fünfzehn.
Julius Jager: Fünfzehn Minuten?! Margaret, das ist Wasserverschwendung. Und mir wird langweilig. Ich kann doch nicht eine Viertelstunde hier stehen und meine Hand duschen.
Margaret MacDonald: Doch, das kannst du. Und das musst du. Hör mal, Julius. Auch wenn die Pfanne weg ist, ist die Hitze noch in deinem Gewebe. Die Zellen kochen weiter. Verstehst du? **Die Hitze bleibt im Gewebe. Das Wasser nimmt die Hitze weg.**
Julius Jager: Das fühlt sich an wie Folter. Ich habe in der Antarktis gearbeitet, weißt du? Bei minus vierzig Grad. Da haben wir alles Mögliche ausgehalten. Aber hier in meiner eigenen Küche, von ein bisschen heißem Metall besiegt zu werden... das ist peinlich.
Margaret MacDonald: Du warst in der Antarktis? Wirklich?
Julius Jager: Ja. Forschungsstation Kohnen. Königin-Maud-Land. Da war ich monatelang. Wir haben Eisbohrkerne gesammelt. Harte Arbeit. Kein Luxus. Und definitiv keine Krankenschwester, die mir sagt, wie lange ich meine Hände waschen soll.
Margaret MacDonald: Tja, da hast du wohl Glück, dass du jetzt in Berlin bist und nicht im ewigen Eis. Hier kümmert man sich um dich. Also, bleib schön stehen. Noch zwölf Minuten.
Julius Jager: Na ja. Ich wollte kochen üben. Ich versuche gerade, meine Kochkünste zu verbessern. Nicht immer nur Dosenfutter. Ich wollte ein perfektes Steak braten.
Margaret MacDonald: Ein Steak klingt lecker. Und dann?
Julius Jager: Ich hatte die Pfanne auf höchster Stufe. Richtig heiß. Damit es diese schöne Kruste gibt. Und dann... dann habe ich ihn gesehen.
Margaret MacDonald: Wen gesehen? Einen Einbrecher?
Julius Jager: Nein! Einen Eisvogel! Direkt draußen vor dem Fenster. Auf dem Ast von der alten Eiche. Ein echter Eisvogel, Margaret! Mitten in Berlin! Das ist extrem selten. Das blaue Gefieder hat so geleuchtet.
Margaret MacDonald: Ein Vogel? Du hast dich wegen eines Vogels verbrannt?
Julius Jager: Es ist nicht nur irgendein Vogel. Es ist ein fantastisches Motiv. Ich wollte meine Kamera holen. Die liegt immer auf dem Küchentisch. Ich habe rübergegriffen, ohne hinzusehen... und mein Arm ist voll gegen den Rand der gusseisernen Pfanne gekommen.
Margaret MacDonald: Ah, ich verstehe. Der große Abenteurer Julius Jager. Er kämpft gegen Schneestürme und Eisbären... aber ein kleiner blauer Vogel und eine Bratpfanne setzen ihn außer Gefecht.
Julius Jager: Lacht du nur. Das Foto wäre preisverdächtig gewesen. Wenn ich dazu gekommen wäre.
Margaret MacDonald: Du und deine Fotos. Du bist echt besessen, oder?
Julius Jager: Fotografie ist wichtig. Man muss den Moment festhalten. Sonst ist er weg. Genau wie meine Haut jetzt.
Margaret MacDonald: Deine Haut wird wieder. Wenn du brav weiter kühlst. Noch acht Minuten.
Margaret MacDonald: Weißt du, solche Unfälle passieren oft. Deswegen bin ich ja hier.
Julius Jager: Hier in meiner Küche?
Margaret MacDonald: Nein, in Berlin. Ich mache ein Austauschprogramm. Ich komme von einem riesigen Krankenhaus in New Jersey. Penn Medicine. Da ist alles... groß. Laut. Automatisch.
Julius Jager: Und hier?
Margaret MacDonald: Hier arbeite ich in einer kleineren Klinik. Man hat mehr Zeit für die Menschen. In den USA ist alles sehr schnell und oft sehr teuer. Hier gefällt mir, dass man sich mehr kümmert. Es ist nicht nur Business.
Julius Jager: **Alte Gewohnheiten lassen sich schwer ändern... Ich hasse es, hier zum Arzt zu gehen.** Ich warte immer, bis es von alleine weggeht.
Margaret MacDonald: Warum? Weil du Angst vor Spritzen hast?
Julius Jager: Nein. Weil ich es gewohnt bin, Dinge selbst zu regeln. In der Antarktis, oder später in den Minen in Norwegen... da gab es keinen Arzt um die Ecke. Wenn du Schmerzen hattest, hast du weitergemacht. Du beißt die Zähne zusammen. Das ist der "Survival Mode". Überlebensmodus. Wer jammert, verliert.
Margaret MacDonald: Das verstehe ich. In der Wildnis muss man stark sein. Aber Julius, schau dich um. Du bist in einer schönen, warmen Wohnung in Berlin.
Julius Jager: Ja. Ich weiß.
Margaret MacDonald: **Du musst nicht einfach "damit klarkommen". Du darfst um Hilfe bitten.** Das ist keine Schwäche. Das ist schlau. Wenn du die Verbrennung ignorierst, entzündet sie sich. Dann kannst du wochenlang keine Kamera halten. Ist das stark?
Julius Jager: Nein. Das wäre ziemlich dumm.
Margaret MacDonald: Eben. Also lass mich dir helfen. Ich mache das gerne.
Margaret MacDonald: So, das Wasser ist aus. Die Haut sieht schon besser aus, aber es wird eine Blase geben. Ich mache jetzt einen sterilen Verband drum. Ganz locker.
Julius Jager: Danke. Es tut tatsächlich weniger weh. Das Wasser hat geholfen.
Margaret MacDonald: Siehst du? Wissenschaft funktioniert.
Julius Jager: Sag mal, du hast vorhin gesagt, du strickst gerne?
Margaret MacDonald: Oh, ja. Das ist mein Hobby. Ich stricke Mützen, Schals, kleine Figuren. Es entspannt mich nach der Arbeit. Ich versuche sogar, ein paar Sachen online zu verkaufen. Auf Etsy.
Julius Jager: Das ist doch cool. Läuft das Geschäft?
Margaret MacDonald: Überhaupt nicht. Niemand kauft etwas. Ich glaube, es liegt an meinen Fotos. Ich mache die mit dem Handy, abends auf dem Sofa. Sie sind immer unscharf oder die Farben sehen falsch aus. Das schöne Dunkelrot sieht auf den Fotos aus wie brauner Matsch.
Julius Jager: Brauner Matsch verkauft sich schlecht, das stimmt.
Margaret MacDonald: Ich bin eben keine Fotografin. Ich kann Wunden versorgen, aber ich kann kein Licht setzen.
Julius Jager: Aber ich kann das. Hör mal, Margaret. Du hast meine Hand gerettet. Ich habe zwar gerade nur eine funktionierende Hand, aber ich habe ein Stativ und sehr gute Lampen.
Margaret MacDonald: Willst du damit sagen...?
Julius Jager: Ich mache dir die Fotos. Professionelle Produktfotos. Sobald meine Hand wieder okay ist. Oder ich leite dich an, und du drückst auf den Auslöser.
Margaret MacDonald: Das würdest du tun? Wirklich?
Julius Jager: Klar. Nennen wir es das "Nachbarschafts-Austauschprogramm". Medizinische Versorgung gegen Fotografie.
Margaret MacDonald: Deal! Das klingt fair. Aber erst muss die Hand heilen.
Julius Jager: Okay, und jetzt die gestrickte Eule etwas mehr nach links drehen. Ja, perfekt. Das Licht fällt jetzt genau auf die Maschenstruktur.
Margaret MacDonald: Wow, Julius! Schau dir das auf dem Bildschirm an. Das sieht ja aus wie in einem Magazin! Die Farben leuchten richtig.
Julius Jager: Das liegt am Weißabgleich. Dein Handy macht das Licht zu gelb. Aber mit der Tageslichtlampe hier kommen die echten Farben raus. Das sieht sehr hochwertig aus.
Margaret MacDonald: Unglaublich. Danke! Das wird meinen Shop retten. Aber jetzt lass mich mal kurz deine Hand sehen. Verbandwechsel.
Julius Jager: Hier. Ich war ganz brav.
Margaret MacDonald: Hm. Das sieht sehr gut aus. Keine Entzündung, die Blase trocknet schon ein. Du hast sie trocken gehalten?
Julius Jager: Ja. Ich habe beim Duschen eine Plastiktüte über die Hand gezogen. Ich sah aus wie ein Idiot, aber es hat funktioniert. **Keine Butter. Moderne Medizin funktioniert besser als Omas Mythen.**
Margaret MacDonald: Da bin ich froh, dass du das einsiehst. Du bist ein guter Patient.
Julius Jager: Ich muss auch fit sein. Ich habe heute Abend... Besuch.
Margaret MacDonald: Besuch? Etwa ein Date?
Julius Jager: Vielleicht. Lisa aus dem dritten Stock. Sie kommt zum Abendessen.
Margaret MacDonald: Du kochst? Julius, bitte sag mir, dass du nichts brätst.
Julius Jager: Keine Sorge. Es gibt Gazpacho. Kalte spanische Suppe. Und Salat. Der Herd bleibt aus.
Margaret MacDonald: Sehr klug. Und ein letzter Tipp von deiner Krankenschwester: Wenn ein Vogel am Fenster vorbeifliegt...
Julius Jager: ...dann ignoriere ich ihn. Versprochen.
Margaret MacDonald: Viel Spaß beim Date, Julius. Und danke für die tollen Fotos.
Julius Jager: Danke für die Hand, Margaret. Bis bald!

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