Lesson Transcript

Aylin Aslan:
Also nein... das gibt es doch nicht. Komm schon! Warum funktioniert das Internet hier nicht?
Hallo? Signal? Bitte... ich habe keine Zeit für so etwas.
Aylin Aslan:
Huch! Meine Güte! Diese Autos... hier ist es so laut. Man versteht ja sein eigenes Wort nicht.
Okay, Aylin. Bleib ruhig. Du hast heute frei. Das ist dein Kulturtag. Kein Stress. Keine Verträge. Keine Mandanten. Nur du und...
...ja, nur ich und diese schreckliche Straße.
Aylin Aslan:
Wo bin ich denn jetzt? Das Handy sagt... gar nichts. Der Bildschirm ist einfach weiß. Super. Wirklich toll.
Ist das die Post? Auf der Karte war eine Post.
Nein, das ist eine Bank. „Berliner Volksbank“. Okay. Also bin ich nicht da, wo ich sein will.
Die Post muss... woanders sein. Vielleicht zwei Straßen weiter? Oder zurück?
Ach, das ist doch typisch. Einmal will ich etwas Schönes machen, und dann stehe ich hier im Lärm und finde den Weg nicht.
Aylin Aslan:
Es ist schon halb drei. Die Vorstellung fängt um drei an. Wenn ich das Theater nicht finde, war der ganze Tag umsonst.
Entschuldigung? Hallo?
Niemand hört mich. Alle haben Kopfhörer auf.
Ich versuche es noch einmal mit dem Handy.
Nichts. Kein Netz. Null Balken. Das darf doch nicht wahr sein!
Boris Braun:
Alles in Ordnung bei Ihnen? Sie sehen etwas... verloren aus.
Aylin Aslan:
Oh! Ähm, ja. Nein. Also, mein Handy geht nicht, und ich suche...
Warten Sie mal. Ihr Gesicht kenne ich doch.
Boris Braun:
Ja, das kann gut sein. Ich wohne im Triple-Almond-Haus. Im dritten Stock.
Ich bin Boris, Boris Braun.
Aylin Aslan:
Ach, natürlich! Herr Braun. Der Polizist, richtig?
Ich bin Aylin Aslan. Ich wohne im vierten Stock. Direkt über Ihnen, glaube ich.
Boris Braun:
Genau! Frau Aslan, die Anwältin.
Es ist lustig. Wir sehen uns fast jeden Tag im Treppenhaus, aber wir sagen immer nur „Guten Morgen“ oder „Guten Abend“.
Aylin Aslan:
Ja, das stimmt. Ehrlich gesagt... ich habe Sie fast nicht erkannt.
Ich kenne Sie nur in Ihrer Uniform. So ganz in Blau und sehr ernst.
Jetzt tragen Sie Sportkleidung. Das sieht ganz anders aus.
Boris Braun:
Ja, heute habe ich frei. Aber ich muss fit bleiben.
Ich bin Ausbilder an der Polizeiakademie.
Da muss ich den jungen Polizisten zeigen, wie man schnell läuft. Also muss ich selbst auch trainieren.
Und was machen Sie hier an dieser lauten Ecke? Arbeiten Sie heute nicht?
Aylin Aslan:
Nein, zum Glück nicht. Ich habe heute meinen freien Tag. Einen „Kulturtag“.
Wissen Sie, mein Job ist sehr stressig. Immer nur Paragrafen, Gesetze, Streit, Verträge...
Ich brauche mal eine Pause. Etwas für den Kopf und die Seele.
Aber im Moment habe ich nur Stress, weil ich mich verlaufen habe.
Boris Braun:
Das verstehe ich gut. Stress ist nicht gut.
Ich laufe oft, um den Kopf frei zu bekommen. Oder ich gehe campen.
Das ist mein Hobby. Einfach raus in die Natur. In die Berge. Wo es ganz still ist.
Aylin Aslan:
Campen? Wirklich? Im Zelt und so?
Das ist ja spannend. Das passt zu Ihnen. Sie wirken sehr ruhig.
Ich mache etwas ganz anderes, wenn ich nicht arbeite.
Ich spiele Theater.
Boris Braun:
Theater? Sie sind Schauspielerin?
Aylin Aslan:
Nur als Hobby. Aber es ist mir sehr wichtig.
Wissen Sie, das Schauspielern lässt mich jemand anderes sein.
Dann kann ich Gerichtstermine und Verträge vergessen.
Ich bin dann keine Anwältin mehr. Ich bin eine Königin, oder eine Bettlerin, oder ein Baum.
Das hilft mir sehr.
Boris Braun:
Das klingt toll. Wirklich.
Jeder braucht so einen Ausgleich.
Und heute wollen Sie zum Theater?
Aylin Aslan:
Ja, genau. Ich suche das „Kleine Literatur-Café“. Kennen Sie das?
Es soll hier irgendwo sein. Da gibt es heute eine Lesung und ein kleines Theaterstück.
Aber mein Handy findet es nicht.
Schauen Sie mal.
Die Karte lädt einfach nicht.
Boris Braun:
Ah, ich sehe das Problem.
Wir sind hier zwischen sehr hohen Gebäuden. Und die Straßen sind eng.
Das GPS-Signal kommt hier oft nicht durch. Das passiert vielen Leuten an dieser Ecke.
Die Technik ist super, aber manchmal ist der gute alte Orientierungssinn besser.
Aylin Aslan:
Oh nein. Und was mache ich jetzt?
Ich habe die Adresse, aber ich weiß nicht, in welche Richtung ich gehen muss.
Ist es links oder rechts?
Ich wollte eigentlich einen schönen, entspannten Tag haben.
Jetzt stehe ich hier und ärgere mich.
Boris Braun:
Keine Sorge, Frau Aslan.
Das „Kleine Literatur-Café“ ist ein echter Geheimtipp.
Es ist schwer zu finden. Der Eingang ist sehr klein und unscheinbar.
Die meisten Leute laufen einfach daran vorbei.
Aber ich weiß genau, wo es ist.
Aylin Aslan:
Wirklich? Sie kennen es?
Das ist ja ein Glück!
Können Sie mir beschreiben, wie ich da hinkomme?
Boris Braun:
Ich kann es Ihnen beschreiben, aber es ist ein bisschen kompliziert.
Wissen Sie was? Ich jogge sowieso in diese Richtung.
Ich kann Sie ein Stück begleiten. Ich zeige Ihnen eine Abkürzung.
Einen „Geheimweg“.
Aylin Aslan:
Eine Abkürzung? Sind Sie sicher?
Ich möchte Sie nicht beim Training stören.
Boris Braun:
Ach was, das stört nicht. Eine kleine Pause ist auch gut.
Kommen Sie mit. Wir müssen hier weg von der Hauptstraße.
Der Weg ist viel schöner und ruhiger.
Boris Braun:
Sehen Sie dort vorne den Blumenladen? „Blumenparadies“?
Aylin Aslan:
Ja, ich sehe ihn. Die Rosen draußen sind schön.
Boris Braun:
Genau. Direkt vor dem Blumenladen müssen wir links abbiegen.
Da ist eine kleine Gasse.
Aylin Aslan:
Eine Gasse?
Ist das... sicher?
Es sieht da hinten ziemlich dunkel aus.
Boris Braun:
Ich verstehe, dass Sie vorsichtig sind. Das ist auch gut so.
Aber keine Sorge. Ich kenne diese Stadt wie meine Westentasche.
Als Polizist bin ich darauf trainiert, die Stadt zu kennen.
Jede Ecke, jeden Winkel.
Diese Gasse ist sicher. Sie führt direkt zu einem wunderschönen Innenhof.
Vertrauen Sie mir.
Aylin Aslan:
Na gut. Wenn Sie das sagen, Herr Braun.
Mit einem Polizisten an meiner Seite fühle ich mich sicher.
Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell der Lärm hier weg ist.
Vorhin war es so laut, und jetzt... hören Sie das?
Boris Braun:
Ja. Das ist das Schöne an Berlin.
Es gibt diese versteckten Orte. Oasen der Ruhe.
Aylin Aslan:
Das tut gut.
Sagen Sie mal, wie lange wohnen Sie eigentlich schon im Triple-Almond-Haus?
Boris Braun:
Oh, das sind jetzt fast zwei Jahre.
Und Sie?
Aylin Aslan:
Drei Jahre.
Ich mag das Haus eigentlich. Es ist zentral, aber die Wohnungen sind schön.
Nur... naja, die Nachbarn sind manchmal etwas speziell.
Boris Braun:
Sie meinen sicher den Musiker im ersten Stock?
Der mit der Trompete?
Aylin Aslan:
Ja! Genau den!
Er spielt immer am Sonntagvormittag. Und er ist nicht besonders gut, oder?
Letzte Woche hat er drei Stunden lang geübt. Immer das gleiche Lied.
Boris Braun:
Ja, das war schrecklich.
Ich wollte fast runtergehen und klopfen. Wegen Lärmbelästigung.
Aber dann dachte ich: Leben und leben lassen. Er versucht es ja wenigstens.
Aylin Aslan:
Sie sind wirklich sehr geduldig.
Ich saß oben mit meinem Kaffee und habe versucht, Akten zu lesen.
Es war unmöglich.
Apropos Kaffee...
Ich sehe Sie oft morgens, wenn ich zur Arbeit gehe.
Sie kommen gerade vom Joggen zurück, und ich renne mit meinem Becher aus dem Haus.
Boris Braun:
Stimmt. Sie haben immer einen sehr großen Kaffee in der Hand.
Und Sie sehen immer sehr eilig aus.
Aylin Aslan:
Ohne Kaffee funktioniere ich nicht.
Wirklich, gar nicht.
Vor dem ersten Kaffee bin ich kein Mensch, und schon gar keine gute Anwältin.
Das ist meine Benzinzufuhr.
Boris Braun:
Ich trinke lieber Tee. Oder Wasser.
Aber ich verstehe das. Jeder hat sein Ritual.
So, wir sind jetzt im Innenhof.
Sehen Sie den Brunnen dort?
Aylin Aslan:
Ja, der ist hübsch.
Ich wusste gar nicht, dass es hier so einen Park gibt.
Mitten in der Stadt!
Boris Braun:
Ja, das wissen die wenigsten.
Jetzt müssen Sie gut aufpassen. Der Weg ist ein kleines Labyrinth.
Wir müssen am Brunnen vorbei und dann rechts abbiegen.
Hinter dem alten Backsteingebäude. Sehen Sie das?
Aylin Aslan:
Das Gebäude mit den großen Fenstern? Das sieht aus wie eine alte Fabrik oder so.
Boris Braun:
Genau. Das war früher mal eine kleine Bibliothek.
Heute sind da Büros drin.
Wir müssen einmal ganz herumgehen.
Aylin Aslan:
Puh, ohne Sie hätte ich das nie gefunden.
Mein Handy hätte mich sicher wieder zur Bank geschickt.
Oder in den Fluss.
Sie sind wirklich ein guter Guide.
Boris Braun:
Wissen Sie, Frau Aslan... vielleicht sollten Sie mal mitkommen, wenn ich campen gehe.
Ich habe ein extra Zelt.
Wenn Sie so viel Stress bei der Arbeit haben...
Die Natur hilft wirklich. Da gibt es keine Trompetenspieler und keine Autos.
Aylin Aslan:
Das ist... ein sehr nettes Angebot.
Ich weiß nicht, ob ich der Typ für Camping bin.
Kein Badezimmer? Keine Kaffeemaschine?
Das klingt hart.
Aber vielleicht brauche ich genau das. Einfach mal Ruhe.
Boris Braun:
Man kann Kaffee auch auf einem Gaskocher machen. Das schmeckt sogar besser.
Überlegen Sie es sich einfach.
Aylin Aslan:
Ich überlege es mir. Danke.
Es ist schon komisch, oder?
Wir haben so unterschiedliche Berufe.
Sie sind bei der Polizei, körperlich aktiv, draußen.
Ich sitze im Büro, lese Verträge, drinnen.
Aber irgendwie machen wir etwas Ähnliches.
Boris Braun:
Wie meinen Sie das?
Aylin Aslan:
Na ja...
Die Stadt und das Gesetz sind beides Labyrinthe.
Voller Regeln, voller Wege, voller Sackgassen.
Die Leute kennen sich nicht aus. Sie sind verloren.
Und wir... wir sind beide professionelle Führer.
Sie führen die Leute durch den Verkehr oder die Stadt.
Ich führe meine Mandanten durch das Gesetz.
Wir zeigen ihnen den Weg.
Boris Braun:
Wow. Das ist ein schöner Gedanke.
Daran habe ich noch nie gedacht.
"Professionelle Führer durch das Labyrinth". Das gefällt mir.
Dann führen wir Sie jetzt mal zum Ziel.
Wir sind fast da.
Hier, durch diesen kleinen Bogen.
Aylin Aslan:
Hier? Wirklich?
Das sieht aus wie... nun ja, wie ein Hinterhof mit Mülltonnen.
Boris Braun:
Ja, der erste Eindruck täuscht.
Schauen Sie mal dort in die Ecke.
Sehen Sie die kleine grüne Markise? Und die Holztür?
Aylin Aslan:
Ach da! Tatsächlich.
Da steht ganz klein: „Literatur-Café“.
Das ist ja unglaublich.
Wer baut denn ein Café hinter Mülltonnen?
Boris Braun:
Künstler. Die mögen so etwas.
Exklusiv und versteckt.
Bitte sehr. Wir sind am Ziel.
Aylin Aslan:
Vielen, vielen Dank, Herr Braun!
Sie haben meinen Kulturtag gerettet.
Allein hätte ich wahrscheinlich aufgegeben und wäre nach Hause gegangen.
Boris Braun:
Gern geschehen.
Es war nett, mal mit Ihnen zu reden. Nicht nur „Hallo“ im Treppenhaus.
Aylin Aslan:
Ja, das fand ich auch. Sehr nett.
Wissen Sie was?
Wenn wir uns das nächste Mal im Triple-Almond-Haus sehen...
Vielleicht haben Sie Lust auf einen richtigen Kaffee?
Bei mir? Oder wir gehen in das Café an der Ecke?
Als Dankeschön für die Hilfe.
Boris Braun:
Das klingt sehr gut.
Einen Kaffee trinke ich gerne mit Ihnen.
Aber nur, wenn ich keine Uniform trage.
Dann sind wir einfach Boris und Aylin, ja?
Aylin Aslan:
Abgemacht. Boris und Aylin.
Das klingt viel entspannter als Herr Polizeikommissar und Frau Anwältin.
Also dann... ich muss jetzt rein, die Vorstellung beginnt gleich.
Boris Braun:
Viel Spaß beim Theater. Genießen Sie es!
Seien Sie eine Königin... oder ein Baum!
Aylin Aslan:
Das werde ich! Tschüss, Boris!
Boris Braun:
Tschüss, Aylin!
Ich muss weiter. Sonst werde ich kalt. Bis bald!

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